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Aus der »Chronik« unserer Gemeinde
Dekan Karl Buschbeck zu den Anfängen der Kreuzkirche
kreuzkirche-1954
Bilder: Kreuzkirche Hanau

Weil unsere Gemeinde die jüngste der Hanauer Kirchengemeinden ist, hat sie auch nicht viel zu erzählen aus grauer Vorzeit ihrer Kirche und vielhundertjähriger Kirchengeschichte etwa. Aber jeder Mensch und jede Gemeinschaft hat eben doch ihr besonderes Gesicht und Gepräge, ihre Eigenheiten im Guten und im Bösen, des Erzählens wert.

Um das Gemeindegebiet ein wenig zu schildern, das bis zum 1. April 1954 als 2. Pfarrbezirk zur Johanneskirchengemeinde gehörte, sei erst einmal folgendes über diesen nordöstlichen Stadtteil gesagt, der unter dem Namen »Lamboyviertel« mit der Hauptstraße, der Lamboystraße, bekannt, unter vielen Hanauern oft auf eine nur geringe Wertschätzung gestoßen war. Das kam gewiss nicht nur daher, dass der französische General Lamboy im 30jährigen Krieg ein Feind der Stadt gewesen ist, oder daher, dass dieser Stadtteil das Kasernengebiet war, sondern weil hier nach 1945 die zahlreichen Kasernen mit tausenden von DP's, d. h. entwurzelten Litauern, Letten, Esten, Polen u. a. belegt waren, die oft noch ihren Groll gegen Deutschland hatten und den »Schwarzen« Markt zu einer erschreckenden Blüte brachten; oder weil bis heute die Kasernen mit amerikanischen Truppen belegt sind, was natürlich manche Unruhe mit sich bringt.

Die 3 großen Kasernements, die zwischen 1894 und 1913 mit Ulanen, Eisenbahnpionieren und Infanterie belegt waren, waren der Grundstock für die Entstehung und Besiedlung dieses Viertels, in dem s. Z. Pfarrer Göbels in dem »Wichernhaus« auf der »Äppelallee« (später Karl-Marx-Straße) mit Schwesternstation und Kindergarten den ersten kirchlichen Stützpunkt schuf. Dieser wurde nach dem 1. Weltkrieg in das ehemalige Kasino der Ulanen verlegt. Bei der Neueinteilung der Kirchengemeinden um 1930 übernahm dann die Johannesgemeinde das Lamboyviertel, dessen Seelsorger Pfarrer Karl Kurz bis zu seiner Emeritierung 1945 gewesen ist, danach der Schreiber dieser Zeilen.

Von den heute rund 12000 und mehr Einwohnern gehören 64 Prozent der evangelischen Kirche an, meist Angehörige des Arbeiterstandes. Einen hohen Prozentsatz nehmen auch Familien ein, die sich in wirtschaftlicher Notlage befinden, rund 30% der Fürsorgeempfänger der ganzen Stadt.

Noch wohnen nicht wenige Familien in Baracken und Behelfsheimen, und die zahlreichen hohen Mietshäuser, die vom Bombenterror zum größten Teil verschont blieben, und in die viele Obdachlose der zu 85% zerstörten Stadt hineinströmten, sind Überstark belegt. Freilich hat die großzügige Aufbautätigkeit der Stadt hier schon viel Abhilfe geschaffen; Siedlungen entstanden, die Neuhofsiedlung, 1965 die Tümpelgartensiedlung und immer weiter andere neue Baubezirke. Erwähnt sei auch die vor mehr als 15 Jahren gegründete »Evangelische Baugemeinde« mit ihren bisher etwa 120 Wohnungen, wodurch vielen Familien wieder ein Heim geschaffen wurde und ein kleiner, schmucker Stadtteil neu entstanden ist.

In dieses große, zu einem erheblichen Teil auch von Heimatvertriebenen besiedelte Wohngebiet, ist 1954 als neuer kirchlicher Mittelpunkt zunächst ein Gemeindezentrum und Pfarrhaus und nunmehr eine große Kirche gestellt worden. Über 12 Jahre hat das Glöcklein im Dachreiter über dem Kirchsaal im Gemeindehaus die Menschen unseres Wohnbezirks daran gemahnt, dass in ihrer Mitte, in ihrer von Not und Arbeit gekennzeichneten Welt ein Gotteshaus steht, das zu Gottes Wort und zum Gebet ruft. Jetzt wird diesen Dienst das vierstimmige Geläut aus der Höhe unseres stattlichen Kirchturms übernehmen. Unser Gemeindezentrum, das nun den Kirchsaal mit seinem bisherigen Dienst an die neue Kirche überträgt, kann nun ganz seiner gedachten Bestimmung übergeben werden, Gemeindesaal, Konfirmandensaal, Kindertagesstätte, zwei Wohnungen für kirchliche Mitarbeiter und zwei Jugendräume. Dieser Gebäudekomplex, in günstiger zentraler Lage, ist von dem durch verschiedene Kirchenbauten bekannt gewordenen Baurat Vogel aus Trier entworfen und von Hanauer Baufirmen ausgeführt worden und hat uns bisher schon wertvolle Dienste getan.

Als 2. Bauabschnitt ist im Jahre 1958 das Pfarrhaus entstanden, dem nach einigen Jahren ein zweites in der Lenbachstraße folgte, und der dritte Bauabschnitt hat nun unser neues stattliches Gotteshaus gebracht. So ist nun der bisher als Kirchenraum dienende schöne Saal, in dem der Erbauer bewusst das Material, d. h. Ziegelstein und Holz zeigt, mit seiner Fensterreihe auf der Gartenseite, seiner wuchtigen Holzdecke und dem in die Kirche hineinragenden, auf einer roten Sandsteinsäule aufliegenden Konfirmandensaal, mit dem schönen abgewalmten Dach und dem schmucken Seitenflügel der Kindertagesstätte, ganz und gar Gemeindesaal für Vorträge, kirchen- musikalische Feiern, Filmvorführungen, Laienspiele und Gemeindeabende geworden. In ihm wird auch weiter zu sehen sein der große Wandteppich hinter dem Altar, der lange Jahre die Gemeinde erbaut hat mit seiner Darstellung des Gleichnisses vom viererlei Acker (Matth. 13), ein Werk des Kunstmalers Alexander Harder und seiner Frau, Hanau, Wichernstraße.

Kirchenbaracke im LamboyviertelZur Bildung der Gemeinde hatte wesentlich eine armselige von den Amerikanern erbetene Baracke beigetragen, die 1948 als Kindergarten eingerichtet worden war und alle 14 Tage in äußerlich größter Armseligkeit den Gottesdienst beherbergte. Die Choräle begleitete ein kleines Streichorchester unter Leitung von Vater und Sohn Winhold. Das ständige Wachstum der Gemeinde durch Randsiedlungen, große Wohnblocks und nicht zuletzt durch die »Evang. Baugemeinde« führte schließlich zu dem Entschluss, hier eine neue Gemeinde zu begründen, die dann den Namen »Kreuzkirchengemeinde« erhielt. Die Grundsteinlegung für das neue Kirchengebäude erfolgte am 21. Mai 1953. In feierlichem Gottesdienst folgte am 7. Februar 1954 die Einweihung durch Bischof D. Wüstemann, Kassel, verbunden mit der des Kinder- gartens und des Kinderhortes unter dem gleichen Dach.

Hierbei bezeichnete Bürgermeister Dr. Krause die Bemühungen der Kirche, die diese Einrichtung ja nicht zuletzt auch aus sozialen Beweggründen geschaffen hatte, in ein echtes Verhältnis zur Arbeiterschaft zu kommen, als dankenswert.

»Das Lamboyviertel bestehe zu 2/3 aus Angehörigen der zumeist in Fabriken tätigen Volksschicht, deren Zurückhaltung gegenüber der Kirche mehr und mehr im Schwinden begriffen sei«, so waren seine Worte, die Verwirklichung finden möchten.

Auf dem Grundstein wurde das Apostelwort Ephes. 2,19 eingemeißelt: »So sind wir nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen.« Wer dächte hierbei nicht besonders auch an die zahlreich hier vorhandenen Heimatvertriebenen und an die im Laufe der Jahre nach vielen Tausenden zählenden Insassen des großen Ostzonen- flüchtlingslagers, das im Jahre 1952 in unserem Gemeindegebiet aufgebaut worden war Zehntausende von Auswanderern aus den Ostgebieten sind hier durchgeschleust worden, und auch Russland-Spätheimkehrer haben hier ihre ersten Versuche gemacht, sich wieder in das Leben in der Freiheit hineinzufinden.

Für diese vielen Menschen, von denen nicht wenige in unserer Gemeinde ihren Wohnsitz fanden, ist unsere Kirche in vielen Fällen zur seelischen Heimat und damit eine Hilfe geworden, wieder Wurzelboden und echte Gemeinschaft zu finden.

Wegen des ständigen Anwachsens der Arbeit hat die Landeskirche am 7. Februar 1955 eine 2. Pfarrstelle errichtet. Sie wurde zunächst mit Hilfspfarrern besetzt, für die eine Siedlungswohnung im Wohngebiet der Evangel. Baugemeinde noch ausreichen mochte. Da es natürlich unser Ziel war, die 2. Pfarrstelle so bald als möglich endgültig zu besetzen, ist dann das 2. Pfarrhaus auf der Lenbachstraße 12 entstanden, in dem Pfarrer Liebetrau im Jahre 1962 seinen Einzug hielt. Die ersten Mitarbeiter zusammen mit dem Unterzeichneten waren ab 1955 der jetzt an der Hochschule für Lehrerbildung in Gießen tätige Pfarrer Dr. Jürgen Redhardt, später der heute im kichlichen Öffentlichkeitsdienst in Frankfurt stehende Pfarrer Burkhardt Kühne und nach ihm Pfarrer Günther Keil, jetzt in Langenselbold. Als Mitarbeiterin, die aber auch für mancherlei Spezialarbeiten im Stadtgebiet zur Verfügung stand, trat am 19. Juni 1960, dem Tag ihrer Ordination in der Kreuzkirche, Frau Pfarrvikarin Elisabeth Specht hinzu, die heute in der Marienkirche in Hanau als Pfarrerin amtiert. Die Lehrvikare, die dem Schreiber dieser Zeilen, der im Oktober 1959 das Amt des Dekans im Kirchenkreis Hanau-Stadt übernahm, zur Seite traten, taten in unserer Gemeinde auch die Vikare Manfred Späth und Gerd Heinz Surhoff ihren Dienst.

Bemühungen zur Belebung der großen Gemeinde am Stadtrand, mit ihrer stark fluktuierenden Bevölkerung, mit überwiegend jungen Familien (im Jahre 1960 gab es 125 Taufen) wurden immer wieder unternommen, in Gruppen von Frauen, Männern, Jugend; manches kam in Gang, und neue Wege wurden beschritten. Dabei leisteten auch die beiden neuen schönen Jugendräume gute Dienste, die im September 1958 im Kirchengebäude eingerichtet wurden, und zu denen nun heute im Untergeschoss der neuen Kirche ein weiterer Jugendraum und ein zweiter Konfirmandensaal hinzutreten.

Wohl ist der Boden vielfach hart und die Arbeit nicht leicht, auch sind der Gefahren besonders für das junge Volk, auch schon für die Kinder, nicht wenige, zumal auch die im Gemeindegebiet gelegene große amerikanische Garnison viele Versuchungen mit sich bringt. Aber Gott hat auch hier sein Volk und eine nicht kleine Schar sammelt sich treu um Gottes Wort. Auch gibt es immer wieder treue, fleißige und geschickte Mitarbeiter unter Männern und Frauen. Gottes Gnade muss es machen, dass auch diese unsere junge Gemeinde vielen Menschen, Jungen und Alten, in welchem Stande sie auch stehen mögen, eine Heimat für ihren inwendigen Menschen und ein Wegweiser zum ewigen Ziel wird.

Karl Buschbeck, Dezember 1966

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