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»... haben wir uns lieb gewonnen«
Lieselotte Goy über die Anfänge der Kindertagesstätte Kreuzkirche
kinder-im-sandkasten
Bilder: Kreuzkirche Hanau

1950 habe ich meinen Hort übernommen. Schwer war's. am Anfang, sehr schwer! Damit meine ich aber weniger, daß mir die Arbeit in der Baracke schwerfiel. (Wir besaßen nur einen alten Küchenschrank, 3 Tische, 30 Stühle und einen einsatzbereiten Pfarrer!) Auch der häßlichste aller Höfe auf einem ehemaligen Schuttabladeplatz ohne den geringsten Flecken Schatten und einer scheußlichen Wand – 10 m hoch im Hintergrund waren nicht der Kern der Schwierigkeiten, sondern die Kinder in ihrer besonderen Art der Nachkriegsjahre und meine sechsjährige Arbeit ohne Kinder.

Wenn ich jetzt zurückdenke, muß ich lachen über die verschiedenen Vorfälle. Einmal z. B. saßen meine 3 wildes- ten Rangen vergnügt auf dem Dach und sangen schallend aus alten Liederbüchern nach dem dreckigen Hof zu: »Im schönsten Wiesengrunde ...« Ich konnte sie nicht holen. Mußt sie halt singen lassen!

Und dann, als ich's mal mit Vernunft schaffen wollte und falscherweise ein paar – statt alle einzeln – zu einer Aussprache in mein Zimmer holte ... und einer sagte auf meine Frage: »Ja, s'ach wohr, eichentlich hawwe mer gar nix zu klage hier.« Da weiß man doch nicht, ob man »am Ende« sein oder lachen soll. Ich tat beides! (...)

Diese ersten Schwierigkeiten kommen nicht mehr vor. Erstens hat sich alles »eingelaufen«, zweitens habe ich eine gute Helferin, drittens habe ich ganz andere Kinder (»die Grobiane von damals sind jetzt schon Lehrbuben und kommen rührend anhänglich in ihrem Urlaub zu uns – ja meine Juwelenstücke«!!!) und viertens haben wir uns gegenseitig lieb gewonnen, und fünftens sind wir seit einem Jahr in einem wunderschönen Neubau (Kirche, Gemeindehaus) umgezogen. Wie gerne ich jetzt in dieser Arbeit stehe, kann ich Ihnen überhaupt nicht beschreiben. Nun denken Sie nur nicht, daß ich ständig nur in Glücksgefühlen und Freuden schwelge! Ach du liebe Zeit (...) 

Kinder des Horts KreuzkircheEs ist wirklich nicht so, daß ich ohne meinen Hort nicht auskäme oder nicht leben könnte. Und doch stimmt es, wenn ich sage: ich bin sehr gerne dort. Mein vorgesetzter Pfarrer und vor allem seine liebe Frau sind ideale Arbeitgeber. Möbel und Spielwaren sind genügend vorhanden. Der Hof ist leider, leider klein, wird aber hoffentlich hübsch, wenn er jetzt neu angelegt wird. Im Frühjahr [1955] wollen wir, um noch familienmäßiger zu werden, zu unseren 50 Großen noch 20 Kleine aufnehmen (Kindergarten.). Wir stellen dann die dritte Kraft ein, und ich meine, es sei trotz aller Schwierigkeiten der Enge und vielen Kinder leichter 70 Kinder zu dreien, als 50 zu zweien zu betreuen. (...) 

Ja, ja, das Miteinanderleben ist wohl das Schwierigste überhaupt! 

Leichter ist es, ein schwieriges Kind kennenzulernen, ihm nachzugehen, ihm Stützen zu geben usw. – aber man kann es doch aus dem Miteinander nicht herauslösen! (...) 

Es sind die Alltäglichkeiten in menschlichen Zusammenleben, erst recht im Kinderleben. Aber das sind die zermürbenden täglichen Schwierigkeiten, die viel Kraft für schwerwiegende Sorgen nehmen. Die heben wir natürlich auch! Deren Wurzeln liegen aber auch bei uns – wie heute zumeist in den Elternhäusern. Wieviel tiefes Elend gibt es doch! Es macht einem oft mutlos und oft froh, in unserer Arbeit zu stehen: mutlos, weil der Gegenpol »Elternhaus« wie Granit steht in seinem Verbogensein und man so gar nicht helfen kann; und froh, weil der Hort doch vielen Kindern den fröhlichen Ausgleich und ein Stück Heimat bedeutet.

(Frau L. Goy war Leiterin des Hortes und der nachfolgenden Kindertagesstätte von 1950 bis 1978. Auszug aus einem Brief in der Zeitschrift »wir alle« Nr. 70 vom Februar 1955)

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