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Der 19. März – vor 75 Jahren
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Bild: commons.wikipedia.org

Mause Heike 02

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

von den 450 Häusern in der Altstadt blieben lediglich sieben erhalten. 1200 Tonnen Bomben wurden über Hanau abgeworfen.

Das Goldschmiedehaus war in kurzer Zeit nur noch ein Trümmerhaufen, aus dem nur die beiden Giebel, die steinere Rückseite bis zum zweiten Obergeschoss mit Teilen des Treppenhauses und die steinerne Vorderseite mit der Treppe herausragten. In dieser Nacht fing auch die Marienkirche Feuer, sowie zahlreiche andere öffentliche Gebäude, die wie unzählige Wohnhäuser Hanaus in Minutenschnelle vernichtet wurden. Ein unheimlicher Feuersturm griff um sich. Lichterloh brannte bald alles in der Stadt und Altstadt Hanaus. Ein Mann erzählt: »Ich kam an das Frankfurter Tor. Dort ging es nicht mehr weiter. Mit meinem Freund schlugen wir uns zum Freiheitsplatz irgendwie durch. Dort sah ich einen Mann im Schlafanzug auf dem Pflaster der Straße stehen: Er schrie: ›Warum hilft denn hier keiner? Jetzt sind wir sind von Allem verlassen!‹ Jeder war in dieser Nacht verlassen, verlor Familienangehörige und konnte nur versuchen, sich selbst zu retten. Selbst die Keller und Schutzräume boten keine Sicherheit  mehr, auch sie brachen ein.«

Hanau wurde vor 75 Jahren wohl nur deshalb zerstört, weil es noch da war. Es wurde zerstört, weil es noch als Ziel taugte in einem Krieg, der für Deutschland schon verloren war ..., weil Air Marshall Harris die Auflistung deutscher Städte noch nicht abgearbeitet hatte. Für Arthur Harris war es, wie er schreibt, »besser, irgendetwas zu bombadieren als gar nichts.« So wurde Hanau ein Opfer des Bomber Command.

Eine Änderung seiner Auffassung formulierte Harris bis zu seinem Tod 1984 nicht. Unmittelbar nach dem Krieg schrieb er den Satz, dass seine Strategie letztlich doch zum Erfolg geführt hätte, man habe nur nicht genug Zeit gehabt.

Harald Nash, der in jenen Bombennächten als Navigator in einer Lancaster flog und der seither sein ganzes Leben in den Dienst der Versöhnung gestellt hat, schrieb 2008 anlässlich eines Besuchs in Hanau in das Gästebuch der 19. März-Ausstellung: »You can bomb everything to pieces – but you can’t bomb anything to peace!« – man könne zwar alles in Trümmer bomben, doch den Frieden herbeibomben, das könne man nicht.

Zwei Weltkriege hat es gebraucht im letzten Jahrhundert, bis Christen erkannt und deutlich ausgesprochen haben: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Bei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1948 in Amsterdam wurde dieser Satz nachdrücklich festgehalten. Gott ist ein Freund des Lebens. Er ist ein Gott des Friedens.

Das Buch Micha im Alten Testament beschreibt einen Traum vom ewigen, sicheren Frieden: »Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« (Mi 4,3b-4) Schwerter zu Pflugscharen: Das war einmal das Motto für eine Friedensbewegung, ein Leitwort des Bürgerprotests gewesen. Tausende Friedenslichter in Kirchen und auf Plätzen sind zu Symbolen der friedlichen »Wende« geworden.

Erinnerung wachzuhalten hilft. Das hilft, dass wir uns hüten mögen, Auseinandersetzungen, eigene Gier, willkürliche Machtübernahmen zu unterstützen und voranzutreiben, dass am Ende Krieg entsteht. Deshalb ist ein Mahnmal mitten in unserer Stadt, inmitten der Altstadt zu sehen: Der Turm der Alten Johanneskirche, der an die Zerstörung von 1945 erinnert und auf Initiative der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt e. V. (IGHA) mit einer neuen Turmhaube versehen wurde. Der Turm wirkt wie ein verkohltes Gerüst, das nach den schrecklichen Flammen stehen geblieben ist; der heutige Turm mahnt, sich für Frieden in der Welt einzusetzen.

Was wir außerdem tun können? Wachsam sein. Uns für die Welt und das gesellschaftliche Leben um uns zu interessieren. Nachfragen. Nein sagen. Beten. Miteinander als Christen für Frieden und Toleranz einstehen. Den Glauben als Christen im Zeichen der Versöhnung leben.  

Herzlich
Ihre

Pfarrerin Heike Mause

 

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