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»Denn du bist bei mir«
Predigt zum Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2020
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Bild: www.flickr.com

Liebe Gemeinde,

kautz katrinder 2. Sonntag nach Ostern trägt den lateinischen Namen: Miserikordias Domini. Diese Worte sind aus dem Psalm 89 entnommen, wo es heißt: »Von den Taten der Barmherzigkeit Gottes will ich singen«. An diesem Sonntag wird die Barmherzigkeit Gottes, seine Fürsorge und Liebe thematisiert, die sich im Bild des guten Hirten zeigt. Der Psalm 23 ist deshalb auch der vorgeschlagene Wochenpsalm für diesen Sonntag.

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Der Psalm 23 gehört zu den bekanntesten Psalmen. Viele Menschen kennen ihn, sie mögen ihn wegen seiner bildreichen, schönen und auch tröstenden Sprache. Es sind vertraute Worte aus der Bibel, die ein Gottesbild vermitteln über das Bild des Hirten, der sich sorgt, der sich kümmert, der nachgeht und begleitet durch Höhen und Tiefen des Lebens.

Der Psalm 23 bildet für viele eine Art geistliche Wegzehrung, und so steht die Beschäftigung mit ihm auch für die Konfirmanden auf dem Unterrichtsplan. Ihn zu kennen gehört zum Grundwissen, das die Konfirmanden über das Jahr hin erwerben.

Als wir mit den Konfirmanden in diesem Jahr auf die Konfirmandenfreizeit noch Mitte Februar fuhren, hatten wir in der Vorbereitung mit dem Team besprochen, dass sie auf der Freizeit den Psalm 23 bearbeiten sollen. Die Methode, die wir dann anwandten nennt sich »visual keys«, man kann dies auch mit »sichtbare Schlüssel« übersetzten, die wie »Eselsbrücken« dienen. Verschiedene Gesten und Bewegungen helfen den Konfirmanden die Worte des Palms einprägsam in Erinnerung zu behalten. So zeigten sie beispielsweise mit ihrer rechten Hand einen Hirtenstab an, und das frische Wasser wurde andeutend mit den Handflächen, die aus einem Bach Wasser geschöpft hatten. Jedes der Bilder im Psalm bekam eine Geste, eine Bewegung, die in der Wanderung erarbeitet und nachgestellt wurde. Später konnte der Psalm in der Erinnerung aus der Wanderung und den einzelnen Stationen nachgestellt und nachgesprochen werden.

Im späteren Gespräch mit den Konfirmanden wurde herausgearbeitet, dass der Psalm einem Lebensweg ähnelt. Er stellt eine Wanderung durch das Leben dar, die gekenn-zeichnet ist durch leichte und schwere Zeiten, die gemeistert und bewältigt werden. Bei allen Lebensstationen und Wegen steht Gott an unserer Seite.

Eine Konfirmandin sagte: »Mir gefallen die Worte: ›Er führet mich auf rechter Straße‹, sie stehen für das Vertrauen in Gott, dass er uns den rechten Weg aufzeigt, auch wenn wir mal Angst haben. Das beruhigt einen«.

Einem anderen Konfirmanden sind die Worte wichtig: »›Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.‹ Auch, wenn die Dinge mal schlecht laufen in meinem Leben und ich traurig bin und mir hilflos vorkomme, kann ich daran festhalten, dass Gott es gut mit mir meint. Wir müssen uns nicht vor ihm fürchten.«

Der Psalm 23 vermittelt Schutz und Hilfe, Geborgenheit und Gehalten-Sein. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nicht mangeln« - Nichts mangeln - mir fehlt es an nichts!

Wie hören wir diese vertrauensvollen Worte in der besonderen Ausnahmezeit einer weltweiten Pandemie, die alle fest im Griff hat?

Die Pandemie hat das Leben auf den Kopf gestellt, sie verlangt sehr vieles von Menschen ab. Wirtschaftliche Existenzängste, psychische, seelische Belastungen durch Isolation, Enge, Bewegungs- und Freiheitsverlust, den vielen Sorgen, wie lange wir dies alle noch aushalten können und was danach sein wird wühlen viele auf.

Mir fehlt es an nichts!
Das ist eine steile Behauptung, und man fragt sich, ob der Psalm 23 denn einer Lebenssituation wie dieser überhaupt standhalten kann. Aber das macht den Psalm eben aus, dass er mit uns durch alle Höhen und Täler wandert. Der Beter kennt den echten Mangel, er kennt das finstere Tal, die Dunkelheit, die Ängste, die nicht aufhören, die Unruhe, die uns treibt und uns auch verzweifeln lassen können. In allen Ängsten, in allem Finsteren können wir darauf hoffen, dass Gott bei uns ist. Gott kennt selbst das dunkle Tal, das er in Jesus Christus gegangen ist durch die Dunkelheit des Todes.

Im Johannesevangeliums beschreibt sich Jesus als der gute Hirte, der bis in die Tiefen auch der Finsternis hineingeht. So wie der Beter des Psalms 23 darauf hofft, dass Gott bei ihm ist, so hören auch wir die Worte der Zusage: »Du bist bei mir«.

Wenn wir uns im finsteren Tal befinden, wenn wir in einen Tunnel geraten, der dunkel und eng ist, hilft es uns, wenn wir nicht alleine sind, wenn Menschen uns zur Seite stehen, wenn wir Worte des Trostes hören, wenn uns eine Hand hält, wenn uns ein Gruß erreicht.

»Du bist bei mir«
In der Coronakrise erleben und hören wir von Situationen, die uns noch vor Wochen unglaublich erschienen, ja undenkbar. Die Frage der Sterbebegleitung ist eine, die in den Krankenhäusern dieser Tage brennend auf der Seele liegt, denn wie können Angehörige noch Abschied nehmen von einem geliebten Menschen, oder muss ein Sterben einsam und allein passieren?

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht aus einem Krankenhaus, in dem ermöglicht wurde, dass eine Ehefrau, in kompletter Schutzkleidung, noch Abschied nehmen durfte von ihrem Ehemann. Sie besuchte ihn zwei Tage vor seinem Tod. Am Tag seines bevorstehendes Todes rief die Station an und sie konnte einen letzten Gruß über das Telefon ihrem Mann zusprechen. Dieses kurze Telefonat hat ihm geholfen, loszulassen und zu gehen, zu sterben. Er konnte über den Telefonhörer noch die vertraute Stimme seiner Frau hören, er wusste, »du bist bei mir« - in Gedanken, im Gebet, im Herzen. Diese zutiefst bewegende und so ungewöhnlichen Ausnahmesituation wie diese führt uns in eine große Nähe zu den Worten des Psalm 23.

»Und ob ich wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.«
Einen Abschied von einem geliebten Menschen so zu erfahren, wie ihn diese Krankenhausstation für das Ehepaar ermöglicht hat, ist sehr bewegende und berührend, es ist barmherzig. Es lässt uns die Nähe zueinander und auch zu Gott spüren.

»Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.«
Auch, wenn die Dinge mal schlecht laufen in meinem Leben und ich traurig bin und mir hilflos vorkomme, kann ich daran festhalten, dass Gott es gut mit mir meint.

Die Konfirmandenfreizeit konnten wir noch unbeschwert begehen, sie stand vor dem Ausbruch der weltweiten Pandemie in unserem Land. Den Psalm 23 haben die Konfirmanden sich erwandert, sich erarbeitet und vielleicht erinnern sie sich auch an ihn, wenn sie an ihre Konfirmandenfreizeit und an ihr Konfirmandenjahr denken.

Der Psalm 23 gehört zu den bekanntesten Psalmen und er kann Wegzehrung sein ein Leben lang.

Amen.

Katrin Kautz

Hier als Audio zum Anhören oder als Download

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