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Ein Bild der Verbundenheit: der Weinstock und die Reben
Predigt zum Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020
weinstock
Bilder: www.publicdomainpictures.net, Stadtkirchengemeinde Hanau

Liebe Gemeinde,

kautz katrin»Wohin gehöre ich? Woher bekomme ich meine Kraftquelle?« Diese Fragen gehören zu unserem Leben. In den jetzigen Ausnahmezeiten der Coronakrise werden diese Fragen noch viel drängender, vor allem, wenn der Ausnahmezustand anhält. Ein Ende ist vermutlich noch länger nicht in Sicht, eine Rückkehr zu unserem normalen Alltag, wie wir ihn kannten, wird noch auf sich warten lassen müssen.

Diese Vorstellung scheint uns sehr schwer vorstellbar, und so versucht die Politik eine höchst komplizierte Gradwanderung zwischen dem Gebot der Vorsicht und der Zurückhaltung zum Schutze der Menschen und den nötigen, ersten kleinen Lockerungen zu finden und zu gehen.

Wir alle warten auf diese nächsten Schritte der Öffnung, der kleinen Wege in ein Stück der Normalität, und müssen doch voraussichtlich noch viel Geduld aufbringen. Wie halten wir das durch? Was stärkt uns, welche Verbindungen tragen?

Die Öffnung der Kirchen wird für viele sehnsüchtig erwartet. So dürfen die Religionsgemeinschaften nun schrittweise, in großer Verantwortung vor dem Schutz des Nächsten, Überlegungen anstellen und Entscheidungen treffen, in welcher Form und Weise sie ihre Kirchen, Synagogen und Moscheen wieder öffnen können. Die Öffnung bedarf eines gut überlegten und durchdachten Planes, der die hohen Hygieneauflagen bedenkt und der stufenweise einen Besuch in den Gotteshäusern wieder ermöglichen kann.

Für uns Christen sind unsere Kirchen unser geistliches Zuhause.

Räume sprechen für sich, allzumal sakrale Räume. In den realen Kirchen und Andachtsräumen einzutreten hilft, die besondere Atmosphäre aufzunehmen, den durchbeteten Raum der Generationen atmen zu können. Das äußere Erleben der Räumlichkeit, wie beispielsweise das Licht durch die Kirchenfenster fällt, wie die erhabene Höhe einer Kirche wahrgenommen wird, wie das Kreuz, der Altar auf uns wirken und zu uns sprechen, Vertrautes auch hervorrufen, all dies eröffnet eine innerliche Bereitschaft, sich auf das geistliche Wort, auf Gottes Wort und Zusage einzulassen. Gotteshäuser haben einen tiefen Sinn, sie versammeln die Gläubigen, sie geben Halt und sind Quelle für Kraft und Zuversicht.

So ist die Sehnsucht nach der Öffnung unserer Kirchen sehr verständlich, und sie wird schrittweise geschehen auf dem Hintergrund der fürsorglichen Überlegungen des Schutzes für die Menschen.

Das Wort Gottes als lebendige Kraftquelle, als Zusage und Ermutigung hören und teilen jedoch Christen weltweit, trotz der harten Vorschriften, auch wenn sie nicht als Gemeinschaft in ihre Gotteshäuser dürfen.

Durch Übertragungen der Verkündigungen im Fernsehen haben über 10 Millionen Menschen die Osterbotschaften und Gottesdienste mitverfolgt – es wurde gebetet, gesungen, gepredigt über die medialen Kanäle und Menschen fühlten sich angesprochen, angerührt, gestärkt, getröstet und auch verbunden miteinander. Auch manche, die sonst vielleicht nicht unbedingt zu einem Ostergottesdienst gegangen wären, sahen und hörten, verfolgten aufmerksam, neugierig, gespannt die Gottesdienste und Andachten in diesem Jahr.

Christen leben in einer Glaubensgemeinschaft, die ihr Zuhause oft in vertrauten Kirchräumen hat, aber das Evangelium erreicht auch Menschen über andere Wege, denn es liegt vorrangig nicht an der äußeren Form, dem äußeren Haus, sondern an dem, was uns im Glauben als Kraftbild und Hoffnungszeichen gegeben ist.

Der heutige Sonntag Jubilate hat als Predigttext ein Bild des Glaubens, das trägt, auch wenn die äußeren Bedingungen für die Glaubenspraxis gegenwärtig ungewöhnliche sind. Der Predigttext steht im Johannesevangelium, im 15. Kapitel, die Verse 1-8:

(1) Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. (2) Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. (3) Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. (4) Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

(5) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (6) Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.

(7) Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. (8) Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Das Bild vom Weinstock und den Reben hat das Christentum über die Jahrhunderte begleitet. Auch wer nicht in einer Region lebt, in der Wein angebaut wird, kennt das Bild von dieser Pflanze und ihren Früchten. Für die Zeitgenossen von Jesus gehörte der Umgang mit den Weintrauben dazu. Es ist ein schönes Bild, denn es vermittelt, wie eine Verbindung zwischen vielen Einzelnen und dem Einen aussehen kann.

Das Bild aus der Landwirtschaft erfährt von Jesus eine Deutung bei Johannes: Jesus sagt: »Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner«. Es zeigt die enge Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater auf. Aber im Text gibt es auch neben dem verbindenden Bild einen anderen Aspekt. »Eine Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringt.«

Das Bild der Zweiteilung ist aus dem landwirtschaftlichen Umfeld nachzuvollziehen. Jeder Winzer muss seine Weinstöcke pflegen, indem er die schlechten Trauben herausschneidet und die guten weiterwachsen lässt, nur so kann es zu einer guten Weinernte kommen.

Die Worte der Trennung und drohenden Aussortierung ist für uns schwer zu übersetzen. Der Evangelist Johannes verfolgt in diesen Worten der Androhung auch des Gerichtes eine Theologie, die für ihn damals bestimmt war von einer Welt, die in Licht und Finsternis, in Rein und Unrein, in Geist und Fleisch streng eingeteilt war.

Die Deutung des Handelns und Wirkens Jesu hat bei den anderen Evangelisten, bei Matthäus, Markus und Lukas eine andere Richtung, eine andere Orientierung. Bei ihnen ist Jesus nicht einer, der die Welt in Gute und Böse einteilt, Reine und Unreine, sondern als einer, der mit denen Gemeinschaft einging, die am Rande der Gesellschaft standen, die, die ausgestoßen waren. Die Barmherzigkeit Jesu zeigte sich gerade darin, dass er keinen aussonderte, sondern seine Gemeinschaft öffnet für alle, die sein Wort der Liebe Gottes hören wollten unabhängig von Leistung, Stand, Erfolg, Herkunft, Familie, Glaubenspraxis.

Wohin gehöre ich? Woher bekomme ich meine Kraftquelle?

Die biblische Antwort steckt in dem zentralen Satz des Textes: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.« Das kann Menschen stärken: Das Bewusstsein, dass man nicht alleine ist, sondern in der Gemeinschaft mit vielen steht. Und diese Gemeinschaft ist mehr als nur eine schöne, menschliche, nette und tragende Verbindung. Sie geht darüber hinaus, denn sie verbindet Menschen durch den Glauben an Jesus Christus miteinander. Und diese Verbindung ist weltweit unter den Christen zu erfahren und zu erleben. Gerade und besonders in den Zeiten der Corona-Pandemie wird auch eine Zusammengehörigkeit erfahren, die bewegt.

»Mir hilft das tägliche Glockengeläut«, sagte neulich jemand. »Dann habe ich das Gefühl, nicht allein mit meinem Glauben zu sein, wenn andere auch zum Geläut um 12.00 Uhr das Vaterunser beten.« Im Gebet können wir Christen zusammenstehen, es kann Kraft schenken, auch wenn wir nicht an einem Ort versammelt sein können. Auch verschiedenen Musik- und Andachts-Videos, die derzeit durch die sozialen Medien einen erreichen können, zeigen, wie sehr wir durch den Glauben weltweit und ökumenisch eine Gemeinschaft als Christen sind. Wir erleben in der Corona-Pandemie in allem Getrenntsein voneinander auch eine Verbindung zueinander, die über unsere Grenzen, Kulturen, Konfessionen hinausreicht.

Jesus sagt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.« Der Evangelist Johannes zeichnet für uns als Bild der Zugehörigkeit nach, das wir im Glauben aufnehmen können und das uns auch eint in aller Verschiedenheit unserer Traditionen. Es ist ein Glaubensbild, das uns Kraft und Zuversicht verleihen kann.

Amen.

Katrin Kautz

Hier als Audio zum Anhören oder als Download

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