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Rogate – Betet – Unser Vater im Himmel
Predigt zum Sonntag Rogate, 17. Mai 2020
gebete
Bild: pixaby.com

mause heike 04Es ist lange her, aber ich erinnere mich noch daran, was mein Bruder mir erzählte, als er Marinesoldat war: Er fuhr zu einer Übung mit der Mannschaft in einem Schnellboot auf die Nordsee. Es waren ohnehin stürmische Tage, aber die Wetterprognose war noch so, dass man auf die Nordsee fahren konnte. Stürmisch, rau – aber angeblich noch nicht gefährlich. Es kam, wie es kommen musste: Das Boot befand sich auf hoher See, als das Wetter sich dramatisch verschlechterte; sie versuchten umzukehren, aber es war zu spät. Der Sturm erfasste das Boot, das von den Wellen inzwischen wie eine kleine Nussschale hin und her geworfen wurde. Mein Bruder hatte die Steuerung inne und wusste in einem Moment, da das Boot schon Schlagseite genommen hatte: Wenn nun noch einmal eine weitere große meterhohe Sturmwelle von der Seite kommen würde, würden sie samt der Mannschaft ertrinken. Es ging in diesen Sekunden um das Leben. »In dieser Sekunde«, sagte er, »habe ich so intensiv – wie nie zuvor – gebetet.« Es ging gut. Die nächste hohe Sturmwelle kam von einer anderen Seite und die Mannschaft schaffte es gesund und wohlbehalten den Hafen zu erreichen. Was für eine Erleichterung!

»Not lehrt beten« wird darum immer wieder gesagt. Nicht nur in persönlichen Nöten ist das so, sondern auch, wenn wir merken, es geht um etwas Schlimmes, was unser aller Leben angeht. Dabei denke ich an den 19. Februar 2020 in Hanau. Der Tod vieler unschuldiger Menschen erschüttert mich noch heute. Ein Attentäter erschießt Menschen, die sich am Abend auf der Straße und in der Shisha-Bar getroffen hatten. Viele Menschen kamen wenige Tage nach dem furchtbaren Attentat zum Friedensgebet in der Marienkirche zusammen: Was war und ist es für eine Not, in die die betroffenen Familien gekommen sind? Welche Gefühle der Angst muss nun die Stadt Hanau mit sich tragen?

»Not lehrt beten«. Beten wir im Angesicht der Klimasituation? Die Sommer sind heiß. Und es ist prognostiziert, dass die Pflanzen auch in diesem Jahr wieder an Trockenheit leiden werden. Wertvolle Ressourcen werden knapp. Es steht für die Natur fünf nach zwölf. Hilft da überhaupt noch ein Gebet?

… und die Corona-Pandemie? Wie geht es mit dieser Notsituation weiter? Wie lange werden wir noch mit dem Virus leben müssen? Die Angst, sich anzustecken, tragen wir täglich mit uns. Wer das Virus in sich trägt, kann schwer erkranken und daran sterben. Viele Fragen nach der gesellschaftlichen und persönlichen Zukunft treten auf. Unruhen verbreiten sich, weil man sich der Freiheit beraubt fühlt durch die politischen Maßnahmen.

Ich schaue in die Bibel und lese in der Bergpredigt vom Gebet in Matthäus 6,5-15. Hier ist das Gebet zu finden, das Jesus uns gelehrt hat: das Vaterunser. So sollen wir beten, sagt Jesus. Es ist noch heute ein Gebet, das die ganze Welt umspannt. Bei meiner Taufe wurde es gebetet, als ich den Vater und die Mutter zu Grabe getragen habe, habe ich es gebetet – am Tag meiner Hochzeit und unzählige Male im Leben, bei besonderen Gelegenheiten, an ganz normalen Tagen, in jedem Gottesdienst und auch in einsamen Stunden.

Matthias Claudius hat in einem Brief an einen Freund geschrieben: »Das Vater Unser ist ein für allemal das beste Gebet, den Du weißt, wer´s gemacht hat. Aber keiner auf dem Erdboden kann´s so nachbeten wie der´s gemeint hat; wir krüppeln es nur von ferne, einer noch immer armseliger als der andere. Das schadt aber nicht, … wenn wir´s nur gut meinen.«

Das alte Gebet hat schon Martin Luther ins Herz geschlossen und es gehörte für ihn zu dem Abendsegen an einem jeden Tag.

Unser Vater: Der Beginn des Gebetes ist vertraut und zugleich vertraulich. Gott ist mein Vater und ich bin sein Kind. Ich bin von ihm geschaffen und werde durch ihn. Gleichzeitig ist Gott unser aller Vater. Wir alle sind Kinder und darum sind wir alle gleich wertvoll.

Den sieben Bitten des Vaterunsers ist im Laufe der Überlieferung der Bergpredigt noch ein Abschluss hinzugefügt worden. Die ersten Bitten sind auf Gott bezogen: dein Name, dein Reich, dein Wille und in den anderen Bitten geht es um unsere Welt: Unser Brot, unsere Schuld, unsere Versuchungen, unser Böses. Mit dem Abschluss wird der Blick noch einmal auf Gott gelenkt, dem wir alles verdanken: dein Reich, deine Kraft, deine Herrlichkeit.

Dieser Sonntag fordert mich regelrecht auf, daran zu denken, ins Gebet zu gehen. Aber was hilft das eigentlich? Wozu noch beten? Wenn ohnehin das Klima eine Katastrophe ist? Die Not schon eingetroffen ist? Gott ist doch ohnehin allwissend und meine Gebete braucht er nicht.

Ja, es stimmt: Gott weiß, was wir brauchen und was unsere Not ist. Aber ich glaube, wir brauchen Gott.

Im Gebet lebe ich eine lebendige Beziehung zu Gott und dies ist eine ganz persönliche und vertrauensvolle Beziehung. Wo man in einer Beziehung nicht mehr miteinander spricht, ist sie tot. Also geschieht im Gebet etwas Wichtiges: Ich trete ein in eine Gemeinschaft mit Gott und werde gewahr, dass er für mich wichtig ist und ich ihm. Ich suche damit nicht nur das Meinige; ansonsten bliebe ich auf mich zurückgeworfen. Ich suche Gott selbst und frage nach dem, was ich für ihn bin und er für mich. Beten heißt, in einer lebendigen Beziehung zu stehen. Beten hilft, das Leben zu bestehen. Gott hört auf das Gebet, nicht auf einzelne Wünsche. Er gibt uns die Kraft, auch da zu bestehen, wo es schmerzhaft ist. Wenn Tage kommen, an denen wir keine Liebe spüren und keine Hoffnung sehen – auch an diesen Tagen können wir bestehen, wenn Gott uns die Kraft gibt, die Lasten zu tragen.

Im Gebet können wir alles, was wir erlebt haben, alles, was wir getan oder gelassen haben, vor Gott bringen. Wir können Gott bewusst danken. Auch an Tagen, wo wir nachdenken und feststellen: Heute war ein Nichts-Tag. Nichts Besonderes. Nichts tut weh. Gerade dann können wir danken. Ein Zweites ist, dass wir Gott bewusst bitten können. Ich kann Gott bitten, dass er dies oder das bewirken oder ändern möge. Ich kann ihn aber auch genauso bitten, dass er dabei mit mir anfängt: dass ich mich verändern möge, dass er mir mehr Kraft gibt oder mehr Geduld oder eine positivere und freundlichere Art zu denken und zu handeln: »Herr, ändere die Welt und fang mit mir an.« Ich kann meine Klage vor Gott bringen: »Herr, du siehst ja wie es läuft. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Im Moment fällt alles über mir zusammen und ich weiß nicht mehr ein noch aus. Sei du bei mir.« So finden wir auch viele Psalmgebete im Alten Testament.

Beten umfasst so viele Möglichkeiten, so viele Formen und Ebenen. Alle Tage, die guten wie die schlechten, bewusst mit Gott zu erleben, das ist für mich gelebte Spiritualität.

Wenn die Glocken am Abend um 19.30 Uhr läuten und zum Gebet in der Corona-Zeit auffordern, weiß ich auch, dass ich in diesem Moment mein Gebet nicht allein spreche. Das gibt mir Kraft, nicht allein in einer Krise zu stehen und mit meinen Fragen nicht allein auskommen zu müssen.

Nach einem gemeinsamen Friedensgebet in der Marienkirche nach dem 19. Februar 2020 lag der Schock über die unfassbare Tat noch tief in mir, aber die Kraft des gemeinsamen Gebetes um Frieden in Zukunft hat mir innerliche Zuversicht geschenkt und mich wieder fähig gemacht, für die Anerkennung eines jeden Menschen einzustehen. Es war ein besonderer Gottesdienst, weil wir über alle religiösen Grenzen hinaus, gemeinsam für den Frieden in unserer Stadt gebetet haben. »Hanau steht zusammen«, das habe ich in dieser Stunde tief erfahren können. Ein gemeinsames Gebet für die gemeinsame Klage, für den gemeinsamen Blick darauf, die Hoffnung nicht zu verlieren.

Das Gebet zu Gott ist für mich damit ein Trost, wenn Angst mich befällt oder alles in uns schweigt; es ist eine Kraft, Besonnenheit zu bewahren und ein Wissen darum, dass ich nicht allein auf meine Person geworfen bin. Es ist eine Kraftquelle, ganz neu aufstehen zu können; für Grundrechte und Werte des Lebens einzustehen.

Ich glaube, dass mein Leben reich wird, wenn ich mich im Gebet auf Gott ausrichte: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Heike Mause

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