Christsein – ein Leistungssport?
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Lieber Leserin, lieber Leser!

Höher, schneller, weiter: nach der Fußballeuropameisterschaft und der »Tour de France« nun auch noch die Olympischen Spiele. Einst waren es ja die Spiele der Götter. Alle vier Jahre reisten die Griechen nach Olympia, um sie in sportlichen Wettkämpfen gnädig zu stimmen.

Doch schon in der Antike konnte sich der Amateurstatus nicht halten: Sieger zu sein wurde lukrativ. Es gab Steuerbefreiung und kostenlose Verpflegung auf Lebenszeit, Sach- und Geldgeschenke. Schon damals deutete sich an, dass sich die große olympische Bewegung auf einem schmalen Grat zwischen Geld und Vermarktung einerseits und Leistung und friedlichem Miteinander andererseits bewegt.

Und die Spiele wurden immer wieder missbraucht. So ließ sie der römische Kaiser Nero außerplanmäßig im Jahr 67 n. Chr. stattfinden, damit er selber daran teilnehmen konnte. Der größenwahnsinnige Despot bestach die Kampfrichter und wurde, obwohl er vom Wagen gefallen war, zum Sieger des Rennens gekürt. Hitler inszenierte 1936 die Olympischen Spiele in Berlin, das Attentat der Palästinenser, spätere Boykottdrohungen ... Aber zum Sport: Wo bleibt der Mensch?

Der Mensch stößt an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Selbst mit verbessertem Material und immer ausgefeilteren Trainingsmethoden sind die Leistungen offenbar kaum mehr zu steigern. Trotzdem unterwerfen sich Tausende von Sportlern im Vorfeld der Olympischen Spiele einem jahrelangen, harten Vorbereitungsprogramm.

Warum tun sie sich das an? Reicht es als Motivation aus, wenn man bedenkt, dass am Ende nur einer gewinnen wird? Wir als unbeteiligte Zuschauer fiebern und leiden während der Spiele mit unseren Favoriten mit. Es entsteht eine besondere Verbundenheit zwischen Fan und Aktivem, bis das gemeinsame Ziel erreicht ist.

Doch was, wenn der Hoffnungsträger versagt? Wir wenden uns enttäuscht ab, obwohl wir gerade noch mit ganzem Herzen bei der Sache waren. Der Zweite ist der erste Verlierer.

Auch Paulus kannte das Phänomen schon: »Ihr wisst doch, dass an einem Wettlauf viele teilnehmen; aber nur einer bekommt den Preis, den Siegeskranz. Darum lauft so, dass ihr den Kranz gewinnt! Alle, die an einem Wettkampf teilnehmen wollen, nehmen harte Einschränkungen auf sich. Sie tun es für einen Siegeskranz, der vergeht. Aber auf uns wartet ein Siegeskranz, der unvergänglich ist. Darum laufe ich wie einer, der das Ziel erreichen will.« (1. Korinther 9, 24-26)

Ist Christsein also eine eigene Leistung oder gar eine Art Leistungssport?  Ein Wettkampf, bei dem jeder und jede an erster Stelle ins Ziel jagen will? Wo es nur einzelne Gewinner und viele »Verlierer« gibt? Kommt es also nur auf den Sieg und den Erfolg der eigenen Leistung an? Vom Evangelium zur stressigen Frömmigkeitsleistung. Durch eigenes Tun Gott für sich gnädig stimmen. Früher hieß das »den Himmel verdienen«.

Paulus hilft uns, indem er uns darauf hinweist: Christsein heißt – zielbewusst leben! Wie beim Sport ergreift alle eine Anspannung, ein Fiebern, alles ist auf das Ziel ausgerichtet: »Lauft so, dass ihr den Siegeskranz gewinnt!« sagt Paulus. Ihm geht es um das Augenmerk auf das Ziel hin. Und es ist ein gemeinsames Ziel, bei dem jeder und jede im Gegensatz zur Konkurrenz beim Wettkampf das Ziel erreichen soll.

Ich bin selber verantwortlich, ob ich zielbewusst lebe. Jeder entscheidet für sich selbst, wie viel Zeit er einsetzt und wovon er sich enthält. Vieles würde an Wichtigkeit verlieren, wenn ich mir Zeit nehme, um in der Bibel zu lesen und um im Gebet ganz auf Gott ausgerichtet zu sein.

»Wer im Wettkampf siegen will, setzt dafür alles ein.« Auf diesem Weg geht kein Christ und keine Christin allein. Bewusst kann ich den Weg des Glaubens nur gehen, wenn ich nicht allein gelassen bin und mich nicht absondere. Darum sind wir in der Gemeinde mit vielen zusammen, in einer Weg-Gemeinschaft, weil wir uns gegenseitig daran erinnern und ermutigen, im Training dran zu bleiben, zu den Quellen und zu den Grundlagen des Glaubens immer wieder vorzustoßen, um so fit zu bleiben im Glauben.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Pfarrer Stefan Axmann

22.07.2016 - 12.25 Uhr
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