Corona und Karfreitag 2020?
Glaube an ein gutes Ende
karfreitag
Bilder: pixabay.com – pfarrbriefservice.de – Stadtkirchengemeinde Hanau

»Frau Pfarrerin, ist das jetzt das Ende der Welt?« – Diese Frage wurde mir vor einigen Tagen gestellt, als ich anrief, um jemandem zum Geburtstag zu gratulieren. Es ist eine Frage, in der Angst, Traurigkeit und Unsicherheit mitschwingen.

Ich denke, es geht vielen von uns so in diesen Tagen des Ausnahmezustands, dass uns die Nachrichten und Bilder, die um die Welt gehen, verunsichern oder sogar Angst machen. Eine Krankheit, die sich schnell verbreitet, die nur schwer einzudämmen ist und die schon viele Menschenleben gekostet hat. Der Ernst der Lage zeigt sich in den drastischen Maßnahmen, die ergriffen werden müssen und die fast unser gesamtes gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben erst einmal stillstehen lassen. Sie bewirken, dass wir den Kontakt zu Menschen, die uns lieb sind, drastisch einschränken müssen.

Als Geißeln der Menschheit werden solche Krankheiten manchmal auch bezeichnet, die sich rasant verbreiten und wie eine unsichtbare Gefahr lauern. In so einer Situation fragen Menschen danach, wo Gott eigentlich ist. Warum lässt er das alles zu? Was hat er mit uns vor?

Wir sind mitten in der Passionszeit und gehen auf Karfreitag zu. Wenn wir die biblische Geschichte der Kreuzigung Jesu lesen, dann merken wir schnell, dass sich für die Jüngerinnen und Freunde Jesu dieser Tag damals auch wie ein Weltuntergang angefühlt hat:  Noch wenige Tage zuvor hatten die Menschen Jesus zugejubelt und Palmenzweige auf seinen Weg gestreut. Noch wenige Tage zuvor hatten sie ihn zum König machen wollen. Und nun? Jesus, der so vielen Menschen Gutes getan hatte und der ihnen so von Gott erzählte, dass sie sich ihm ganz nahe fühlten, der sollte wie ein Verbrecher gekreuzigt werden? Dabei hatten sie doch geglaubt, dass Gott durch ihn die Welt endlich zu einem besseren Ort machen würde. Sie hatten geglaubt, dass er Gottes Gesandter ist. Doch nun hing er da am Kreuz! Was für eine Niederlage! Wie konnte das passieren? Hatte Gott ihn verlassen? Oder – hatten sich die Jünger geirrt? Für sie brach eine Welt zusammen.

Warum passiert das alles? Warum müssen Menschen sinnlos leiden? Warum fordern eine Krankheit, ein Krieg oder ein Verbrechen so viele unschuldige Opfer? – Diese Frage stellen sich Menschen immer wieder, wenn sie in Not sind.

Als Christinnen und Christen glauben wir, dass Gott keine Freude am Leid der Menschen hat. Wir glauben, dass Gott sich in Jesus Christus auf die Seite der Opfer stellt und auf die Seite der Menschen, die leiden. In Jesus hat er uns gezeigt, wie nahe ihm menschliches Leid geht. Es geht ihm so nah, dass er selbst es ertragen und erlitten hat bis zum Tod. So hat er uns gezeigt, dass menschlicher Schmerz ihn rührt und bewegt und dass er uns nicht alleine lässt auf unserem Weg, sondern mitgeht bis in die tiefsten und dunkelsten Stunden unseres Lebens.

In Jesus Christus wird Gott selbst zu einem Menschen, der sinnloses Leid am eigenen Leib erfährt. Gott kommt dahin, wo Menschen bitterlich weinen über das sinnlose Leid und den Verlust eines geliebten Menschen. Gott kommt dahin, wo Menschen einander im Stich lassen, wo sie versagen. Der Tod Jesu sagt uns: Du musst mit deinem Leid, deiner Angst und deiner Trauer nicht alleine fertig werden. Noch im Leid, noch im Tod hält Gott die Fäden in der Hand. Auch wenn das Leben eine schlimme Wendung nimmt – es kann doch nicht aus Gottes Hand fallen, weil Gott da ist.

Wenn wir an Karfreitag über Jesu Tod reden, dann kennen wir zum Glück schon die Fortsetzung. Wir lesen die Geschichte von der Kreuzigung immer von hinten, also rückwärts mit der Osterbotschaft im Kopf: Wir glauben, dass Jesus den Tod überwunden hat und lebt. Und so scheint durch den Tod am Kreuz schon die Botschaft hindurch, dass das Leid, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Im Tod liegt das Leben, und das Leben ist stärker als der Tod.

Diese Botschaft von Karfreitag und Ostern gibt mir auch in unserer gegenwärtigen Situation Hoffnung. Hoffnung heißt, sich die Geschichte mit einem guten Ende vorzustellen und an ein gutes Ende zu glauben. Und das möchte ich gerne tun.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx versucht, sich die Zukunft nach der Corona-Krise positiv vorzustellen, und er meint, dass das Leben auf jeden Fall anders sein werde (vgl. Matthias Horx, »Das ist ein historischer Moment«, kurier.at). Wir merken gerade, dass es ein Leben ohne Hetze und übermäßigen Konsum geben kann. Dass wir uns auf andere Weise miteinander verbinden: Viele Menschen fragen in den Pfarrämtern an, wie sie anderen helfen können. Selten wurde ich auf Spaziergängen so oft angelächelt wie zurzeit. Nachbarschaftshilfe spielt eine ganz neue Rolle. Vielleicht werden wir sogar in unserer Gesellschaft und der Politik merken, dass Spaltung und Aufhetzung von Menschen gegeneinander in einer »Corona-Welt«, in der alle in einem Boot sitzen, gar keinen Sinn hat. Wir werden sehen, dass die Menschheit 2020 erstmals weniger CO2 ausgestoßen hat und vielleicht erkennen, wie wir daran weiterarbeiten können.

All dies könnte geschehen und all dies macht Hoffnung, die Corona-Krise – ähnlich wie Karfreitag – von einem guten Ende her zu denken: Dass das Leben stärker ist als der Tod. Dass Liebe und Mitmenschlichkeit diese Gesellschaft verändern können. Dass Gottes guter Geist unter uns lebendig ist und uns stärkt, miteinander durch diese Zeit zu gehen.

Kerstin Schröder

31.03.2020 - 13.05 Uhr
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