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Wofür wir danken sollten ...
erntedank-2020
Bild: Chr. Küster/medio.tv

Liebe Leserinnen und Leser,

ebersohn michaelsich für die Ernte zu bedanken ist keine neue Idee. Schon immer waren sich Menschen darüber im Klaren, dass die Lebensmittel nicht einfach so da sind, sondern dass es Mühe und Planung braucht, síe ernten zu können. Ein Schlaraffenland gibt es nur in den Träumen. Und meistens war es Gott – oder je nachdem die Götter –, die man für das Wachsen und Gedeihen der Früchte verantwortlich machte und denen man dankte.

Auch in unseren Kirchen in Hanau ist das durchaus üblich. Im Herbst, dann nämlich, wenn die Früchte reif sind, werden sie auf den Altären präsentiert (so wie auf dem Bild oben) und es wird in einem Gottesdienst dafür gedankt, dass diese Gaben gewachsen sind – und dass wir auf diese Weise am Leben bleiben können. Auf Dörfern werden aus den Früchten manchmal geradezu üppige Bilder gestaltet, und hin und wieder wurde und wird aus den Erntegaben nach dem Gottesdienst eine Suppe gekocht und gemeinsam gegessen.

In unserer modernen und städtisch geprägten Welt ist dies ein wenig verloren gegangen. Man kann ja fast das ganze Jahr über alle erdenklichen Lebensmittel im Supermarkt kaufen, auch wenn die dann oft mehrere Tausend Kilometer hinter sich haben.

Aber es geht bei Erntedank nicht nur um die Produkte der Landwirtschaft. Zu unseren Lebensgrundlagen gehört weit mehr. Ein festes Dach über dem Kopf ist wichtig, eine gesunde Umwelt, die uns nicht krank macht oder bedroht, eine Arbeitsstelle, die unser Einkommen sichert. Und schließlich gehören zu unserem Leben auch viele Dinge, die sich nicht mit Händen greifen lassen: Kultur, Freizeit, Gesundheit, Freundschaft, Liebe ... Auch dafür sollten wir dankbar sein!

In diesem Corona-Jahr 2020 ist das alles ohnehin noch ein bisschen anders. Ein »klassisches« Erntedankfest in der Kirche zu feiern, womöglich mit einem anschließenden Gemeindefest, ist angesichts der Hygiene- und Abstandsregeln fast unmöglich. Da braucht es andere Formen und kreative Ideen, und wir sind auch in der Stadtkirchengemeinde mit den Planungen zum Zeitpunkt der Drucklegung des Gemeindebriefes noch nicht fertig.

Die Corona-Krise zeigt aber noch etwas anderes. Wir haben eigentlich alle früher kaum wahrgenommen, wie wichtig all die Menschen sind, die im Hintergrund wirken und dabei so viel tun, was für uns wichtig ist, die Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern und Altenheimen etwa. Die Feuerwehrleute, Polizistinnen, Busfahrer und Kassiererinnen und viele andere mehr, die unser aller Leben im Lockdown aufrechterhalten haben. Auch ihr Dienst gehört zu den Lebensgrundlagen, ohne die wir womöglich auch in heutiger Zeit ganz real Hungers leiden würden. Von den unzähligen Armen auf unserer Erde, die genau das erleben, ganz zu schweigen. Sie sind, wie so oft, die, die am meisten unter der Krise leiden.

Dankbarkeit ist wichtig, und Dankbarkeit ist richtig, denn das Virus führt uns vor Augen, wie sehr wir auf unsere Lebensgrundlagen angewiesen sind, weniger noch auf die Erntegaben von den Feldern, sondern vor allem auf die Zuwendung, den Einsatz, die Barmherzigkeit derer, die im Hintergrund einfach da sind und uns allen helfen. Ihnen zu applaudieren ist prima. Aber dabei darf es nicht bleiben. Sie haben nicht nur unseren Dank verdient, sondern auch eine gerechte Bezahlung.

Erntedank mal anders: Vielleicht ist Corona ja eine Chance, dass das etwas ins Hintertreffen geratene Erntedankfest einen neuen Sinn erhält.

Seien Sie dankbar!
Ihr

Pfarrer Dr. Michael Ebersohn

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