Maria aber behielt alle diese Worte ...
Gedanken am ersten Weihnachtstag
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Bild: St. Keilig, Hanau

mause heike 04»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« (Lukas 2,19)

Dieser Satz wirkt am ersten Weihnachtstag aus der Lesung in der Heiligen Nacht noch in mir nach. Immer wieder habe ich diesen Satz fast als literarischen Anhang empfunden. Es ist ein sehr schöner Satz, aber er entspricht so gar nicht den vielen Bewegungen und Aktivitäten die sonst in der Weihnachtsgeschichte zu hören sind. Zunächst sind Maria und Josef auf dem Weg. Die Engel bringen den Hirten die Botschaft, so dass sie sofort durch die Nacht gehen, um den Stall von Bethlehem zu finden. Die Hirten sind so ergriffen, dass sie das Wort ausbreiten und darauf lobend wieder in ihre Heimat zurückkehren.

»Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Maria ist bewegt von dem, was sie gehört und erlebt habt. Im Unterschied zu den Hirten zeigt sich ihre tiefe Berührung nicht in einer äußerlichen Bewegung. Sie nimmt sich alles „nur“ zu Herzen.

Maria nimmt sich zu Herzen, was sie von den Hirten erfährt, obwohl die Botschaft wahrlich nicht neu für sie gewesen sein muss. Denn sie hatte durch den Engel Gabriel in seiner Verkündigung erfahren, dass ihr Kind der Heiland der Welt sein wird: Er, Jesus, wird »groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakobs in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.« (Lukas 1,32.33) Neun Monate konnte sie diese Sätze des Engels verinnerlichen, bis sie die klaren Worte der Hirten, die die Verkündigung der frohen Botschaft weitertrugen, erleben konnte. Die Worte der Hirten waren wie eine Bekräftigung von dem, was Maria schon längst wusste.

Lukas, der Evangelist, ist für mich ein fantastischer und sehr einfühlsamer Erzähler. Während Lukas die Lebendigkeit der Hirten beschreibt, hält er sich bei Maria eher zurück. Was wirklich in Marias Herz vorgeht, bleibt ihr Geheimnis.

Die besondere Haltung von Maria, sich die Erfahrungen mit Gott vor allem zu Herzen zu nehmen, scheint das Lukasevangelium zu prägen. Als Jesus mit zwölf Jahren im Tempel verloren gegangen war, um mit den Lehrern zu diskutieren, er nach seinem Auffinden bei seinen Eltern den Grund für sein Weggehen erklärte, können wir im Lukasevangelium 2,51 lesen: »Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.« Sicher verstand die Mutter die Erklärungen ihres Sohnes nicht wirklich, aber sie stellte zunächst keine weiteren Fragen. Sie nahm alles in ihrem Herzen auf, was offensichtlich geschehen musste.

Es scheint so, also ob Maria in ihrem Inneren darauf vertraut, dass sich irgendwann der Sinn von allem offenbaren wird.

Für mich ist die Haltung von Maria im Stall von Bethlehem mehr als nur eine weihnachtliche Geste. Es ist mehr als eine vorübergehende Ergriffenheit und aufflackernde Freude.

Ich merke beim Betrachten der Weihnachtserzählung, dass es mir gefällt, welche Haltung die Figur Maria lebt. Auch ich möchte mir das wunderbare Geschehen, was damals in Bethlehem sich ereignete, zu Herzen nehmen: Sich etwas zu Herzen nehmen bedeutet, sich dieser Geschichte so zu öffnen, dass ich es mit meiner eigenen Lebensgeschichte verbinden kann. Mit dem Herzen die frohe Botschaft zu hören, bedeutet für mich wirklich zu empfangen, was das Geschenk an Weihnachten ist.

Was ist das Geschenk, am ersten Weihnachtstag – am Tag nach der Heiligen Nacht? Die Worte von der frohen Botschaft sagen mir, dass ich mich nicht fürchten muss. Gott ist da und er schenkt durch sein Kommen in die Welt Hoffnung für mein Leben. Ich brauche der Zukunft nicht mit Angst, sondern kann ihr sogar mit Freude begegnen.

Jetzt bleibt noch die Frage: Ist es nicht zu wenig, diese frohe Botschaft für sich zu behalten und im eigenen Herzen zu bewegen? Sicherlich ist es doch notwendig, das Gehörte wie die Hirten zu verkündigen?

Ich freue mich Gottesdienste zu feiern, Gottes Wort zu verkündigen. Aber wenn ich darin glaubwürdig sein will, gelingt es nur, wenn ich mich auch immer wieder in der beschriebenen Haltung von Maria übe: Wenn ich versuche, Gottes Worte zu Herzen zu nehmen und ich höre, was Gott mir zusagt. Maria führt mir vor Augen, dass Wirken mehr als Handeln ist. Wir wirken zunächst durch unsere Haltung, die wir ausstrahlen. Das Tun ist eine Antwort darauf. Dessen will ich mir bewusst sein.

So will ich dieses Weihnachtsfest, das aufgrund der Corona-Pandemie so anders gefeiert werden muss, als Chance betrachten. Als eine Möglichkeit, die frohe Botschaft von Gottes Kommen in der Welt zunächst in der Stille meines Herzens zu bewegen.

Bestimmt werden in der stillen Betrachtung Fragen aufkommen. Maria, hatte diese Fragen sicher auch. In allem hatte sie tiefes Vertrauen und eine Gewissheit darüber, dass zunächst nicht alle Fragen des Lebens mit Logik beantwortet werden können, aber Gott für alle Wege die Hoffnung und die Freude ins Herz legt.

Der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb: »Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben … Forsche auch nicht nach Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst…. Lebe jetzt die Frage, vielleicht lebst du eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten ersten Feiertag.

Möge Gott unser Herz für seine Weihnachtsbotschaft öffnen.

Ihre Pfarrerin Heike Mause

23.12.2020 - 22.43 Uhr
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