Von der Kraft des Wandels
hungertuch-2021
Bild: Lilian Moreno Sánchez © MISEREOR

Liebe Leserinnen und Leser,

kautz katrinals ich das neue Hungertuch für das Jahr 2021/22 vor Kurzem in den Pfarramtsmaterialien entdeckte, hat es mich sofort angesprochen. Es erzählt eine bewegende Geschichte von Leid und Hoffnung, von Schmerzen und Aufstand, von Angst und Mut, die aus dem Glauben erwachsen können. Die chilenische Künstlerin Lilian Moreno Sanchez hat das Tuch geschaffen. Es zeigt das Röntgenbild eines gebrochenen Fußes eines Menschen, der in Santiago de Chile bei Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit durch die Staatsgewalt verletzt worden war. Auf Bettlaken, die aus einem Krankenhaus und aus einem Kloster stammen, hat die Künstlerin den Fuß mit Kohlestift gezeichnet. Auf dem Platz der Würde in Santiago hat sie Erde und Staub eingesammelt und in die Laken gerieben. Eingearbeitet sind goldene Nähte, die goldenen Blumen greifen das Muster der Klosterbettwäsche auf. Das kohlegezeichnete Röntgenbild weist auf den Schmerz und die Verletzlichkeit hin, die Blumen auf die Kraft und die Hoffnung des Lebens, des Neubeginns.

»Du stellst meine Füße auf weiten Raum«, so heißt es im Psalm 31,9, ein Wort, das als Titel über dem Bild des Hungertuches steht. Der Psalm ist vor rund 2500 Jahren entstanden, vermutlich in der Zeit des babylonischen Exils. Die alttestamentlichen Worte sprechen nach erfahrenem Leid und Unterdrückung, nach Krankheit und Verzweiflung Worte der Hoffnung aus. Der Psalmbeter geht einen Weg aus der Angst und der Enge in die Weite neuer Möglichkeiten.

»Du stellst meine Füße auf weiten Raum.« Die Psalmworte beschreiben einen Raum, der Platz bietet, einen Ort, wo Menschen wieder Boden unter ihren Füßen spüren können, einen Boden, der Perspektiven bietet für das Leben.

Alle zwei Jahre gibt das Hilfswerk »Misereor« ein neues Motiv des Hungertuches für die Fastenzeit heraus. Es wird seit 1976 von Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika und Europa entworfen. Mit diesem Hungertuch setzt die Ökumene ein deutliches und gutes Zeichen, denn »Misereor« und »Brot für die Welt« sind Kooperationspartner dieser Aktion.

Die Fastenzeit reicht von Aschermittwoch bis Karsamstag. Es ist eine besondere Zeit im Kirchenjahr, die den Leidensweg Jesu nachgeht, nachzeichnet und sich auf unser eigenes Leben, das der Gesellschaft und der Welt beziehen will. Es ist eine Zeit, in der wir Christinnen und Christen in dem kritischen Nachdenken und Reflektieren unseres Tun und Handelns nach Schritten der Umkehr, des Umdenkens suchen.

Die weltweite Pandemie hat die Zerbrechlichkeit unseres Lebens sehr nahe an uns alle herangebracht und manche Gewissheiten erschüttert. Und so fragen wir auch: Wie wird das Leben nach der Pandemie sein? Was haben wir gelernt? Was brauchen wir wirklich zum Leben? Was ist das Wichtigste, das es zu schützen gilt im privaten wie im öffentlichen, politischen, religiösen, kulturellen Leben?

In der Passionszeit sind wir auf einem Weg, der mit Ostern endet, dem Fest der Auferstehung Jesu Christi, der Feier des Lebens über den Tod, dem Fest des Wandels und den Möglichkeiten für Neues.

Das Hungertuch von Lilian Moreno Sanchez zeichnet einen Passionsweg, in dem das Gebrochene aufstehen und eintreten kann in die Weite eines aufblühenden Lebensraumes. Mit ihrem gesellschaftspolitischen Bezug, dem deutlichen Eintreten für soziale Gleichheit, dem engagierten Einsatz für demokratische Freiheit und Rechte nimmt sie uns mit ihrer Arbeit auf den Weg in die Passions- und Fastenzeit.

Eine österliche Hoffnung ist die Richtung des Weges, denn Gott öffnet uns einen weiten Himmelsraum und sagt uns einen festen Stand zu. »Du stellst meine Füße auf weiten Raum.«

Herzlich
Ihre

Pfarrerin Katrin Kautz

08.02.2021 - 14.19 Uhr
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