Das Kreiselspiel
Erholen, damit die Seele Zeit hat nachzukommen
kreiselspiel
Bilder: pixabay.com - Stadtkirchengemeinde Hanau

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mause heike 04kennen Sie noch aus Kindheitstagen Wettspiele? Ich sehe mich noch, wie wir als Kinder in der Gruppe einen Countdown gezählt haben. Dann z. B., wenn wir das sogenannte »Kreiselspiel« gespielt hatten. Es gibt mindestens zwei Mannschaften. Der jeweilige Spieler der Gruppe, der dran ist, rennt los. Er oder sie läuft zu einem Punkt, da ein Stock liegt. Darauf stützt sich der Spieler, während er zehn Mal um den Stock herumsaust. Jeder Spieler soll dabei immer auf den Boden schauen, anschließend läuft er zurück zu seiner Mannschaft. Ich habe noch niemanden gesehen, der bei diesem Spiel auf dem Weg zurück zu seiner Mannschaft nicht eiert oder gar krabbelt. Das Spiel sorgte, wenn wir es spielten, immer für großes Gelächter, weil jedem schwindelig wird, der sich so lange im Kreis dreht, ohne einmal nach oben zu schauen oder zu unterbrechen. Das gilt übrigens nicht nur im Kinderspiel, auch im Erwachsenenalter. Es ist gut, gelegentlich stehen zu bleiben und den Blick zu heben.

Pause machen im Kreis des Lebens, am Sonntag, im Urlaub: »Erholung« oder »erholen« sagen wir auch dazu. Diese Begriffe suchen wir übrigens vergeblich in den Übersetzungen der Bibel, aber der Grundgedanke ist der Bibel vertraut: Gott erholt sich von seinem Schöpfungswerk, er ruht aus.

»Irhalon« so bezeichnet man vor einem Jahrtausend das Einbringen von geschuldetem Geld, das Zurückholen von Geliehenem, das Nachholen von Versäumten. Daraus ist unser Wort »erholen« geworden. Deutlich wird, dass auch dieses alte Wort von einem Zustand ausgeht, der nicht in Ordnung ist. Da herrscht Mangel und Zerrissenheit; da ist auseinander geraten, was zusammengehört.

Dieses Dilemma beschreibt für mich folgende Geschichte: Ein moderner Mensch ist mit einem Eingeborenen im Auto unterwegs. Mal wird der Eingeborene in der bekannten Erzählung als Indianer, mal als Inuit, mal als Aborigine dargestellt. Dieser bittet nach kurzer Fahrt den Freund, das Auto anzuhalten: »Warum schon jetzt?« »Wir sind doch erst ein paar Minuten unterwegs«, sagt der Fahrer. »Halt an! Ich muss hier warten, damit meine Seele Zeit hat nachzukommen.«

Wir befinden uns in besonderen Zeiten. Seit einem Jahr haben wir die Corona-Pandemie erlebt. Das Wort »Erholung« klingt hier absurd, wenn wir daran denken, dass viele Menschen auch zu Hause sein müssen, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Das klingt absurd, wenn unendlich viel Zeit in der Quarantäne besteht, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die meisten Menschen haben doch gerade eher Sehnsucht nach Kontakt, nach Normalität! Ja, diejenigen, die durch die Corona-Pandemie noch mehr gearbeitet haben und solche Familien, die Homeoffice und Kindererziehung unter einen Hut gebracht haben, die brauchen wirklich Erholung.

Was ist nun Erholung? Es ist für mich eine eigene, wertvolle Zeit, die unterbricht, was ausschließlich im Kopf herumkreist und gegenwärtig bedrückt. Erholung kann damit auch eine bewusste Unterbrechung der Einsamkeit bedeuten, oder das bewusste Pausieren von belastender Arbeit.

Erholung ist also nicht bloß nur Auszeit. Sie ist eine heilende Einstellung zu meinem Alltag, damit nicht zerreißt, was zum Zerreißen gespannt ist. Damit eins bleibt, was zusammengehört. Nur wenn die starke Drehung des Kreisels unterbrochen ist, kann ich wahrnehmen, wohin ich gehöre. Mit Gottes Hilfe werde ich diese Kraft der Erholung finden: »Gedenke an den Herrn, deinen Gott; denn er ist´s, der dir Kräfte gibt.« (5. Mose 8,18)

Ein Gebet:
Hier bin ich, mein Gott,
nimm meinen müden Körper,
meine fahrigen Gedanken,
meine Unruhe.
Hole mich weg von allem,
was mir Kraft nimmt.
Schenke mir eine Stunde Abstand,
einen Tag Besinnung,
eine Woche Geduld mit mir selbst,
ein Leben im Einklang mit dir.
Amen.

Ihnen allen von Herzen gute Erholung!
Ihre

Pfarrerin Heike Mause

26.05.2021 - 12.07 Uhr
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