»Ich packe meinen Koffer und nehme mit …«
urlaubskoffer
Bilder: ccnull.de - Stadtkirchengemeinde Hanau - Collage pixabay.com/M. Ebersohn

Liebe Leserinnen und Leser,

Kerstin Schröderkennen Sie dieses Spiel, bei dem jede und jeder in einer Gruppe in Gedanken etwas in einen virtuellen Koffer packen darf – und alle anderen müssen sich merken, wer was eingepackt hat? – »Nanu«, denken Sie jetzt vielleicht, »ich habe doch meinen Urlaubskoffer gerade wieder ausgepackt, der Sommer geht doch schon wieder zu Ende!« So geht es auf jeden Fall den Familien mit schulpflichtigen Kindern.

Was für einen Koffer packen wir also? – Wir packen nach eineinhalb Jahren Pandemie, die immer noch nicht zu Ende ist, einen Koffer mit vielen Fragen und auch Erfahrungen – in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Gemeinde:

Was hat die Pandemie in unserem Leben und unserer Gesellschaft verändert? Was betrauern wir, und was möchten wir am liebsten nie wieder so erleben? Was gab es aber auch an positiven Entwicklungen und Erfahrungen, die wir mitnehmen und beibehalten wollen?

In unserer Gemeinde stellt sich diese Frage zum Beispiel in Bezug auf die Gottesdienste. Immer wieder bekommen wir Rückmeldungen, wie viele Menschen den sonntäglichen Gottesdienst in den Kirchen vermisst haben, als er wegen der hohen Inzidenzen nicht möglich war. Und doch haben sich ganz neue Formate entwickelt, die vor der Coronazeit niemand für möglich gehalten hätte.

Zoom-Gottesdienste zum Beispiel. Dabei entsteht eine ganz andere Gottesdienst-Stimmung. Wir erleben die Teilnehmenden in ihrem privaten Umfeld, nicht in der Kirche – und trotzdem entsteht eine spirituelle Atmosphäre. Wir können uns zwar nicht leibhaftig begegnen – und doch kann ein intensiver Austausch und ein Miteinander entstehen. Wer in der Kirche nicht gerne vorne stehen und etwas lesen möchte, traut sich dies vielleicht zu Hause vor dem Bildschirm zu und kann sich so am Gottesdienst beteiligen. In jedem Fall werden auf diese Weise noch einmal ganz andere Menschen angesprochen, am Gottesdienst teilzunehmen, die sonst vielleicht nicht in eine Kirche gekommen wären. Auch die Vernetzung über die Grenzen der eigenen Gemeinde hinaus ist möglich und macht Spaß.

Wir haben gelernt, dass man auch Gottesdienste als Familie oder Gruppe auf einem Weg durch den Wald oder in der Natur feiern kann. Angeleitet wird man dabei von der App »Actionbound« auf dem Handy. An verschiedenen Stationen bleibt man stehen, bringt eigene Sorgen und Dankbarkeit vor Gott, hört eine biblische Geschichte oder spricht ein Gebet. Mit eingepacktem Brot und Traubensaft kann man in der Gruppe oder Familie sogar das Abendmahl draußen feiern und wird dabei von Texten oder Musik auf der App angeleitet. Auch Gottesdienste zum Hören per Telefon oder als Pod­cast wurden entwickelt und produziert.

Im Kindergottesdienst haben Teams in unserer Landeskirche die Erfahrung gemacht, wie schön es sein kann, biblische Geschichten an passenden Orten in der Natur draußen nachzuspielen und zu erleben. Oder mit den Kindern eine Waldkirche zu bauen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Angesichts der Fülle von neuen Ideen stehen wir nun vor der Frage, was wir denn davon »in unseren Koffer« für die Zukunft packen wollen. So zeigt sich, dass Gottesdienst immer etwas Lebendiges ist, das mit uns Menschen zu tun hat und sich auch verändert. Das ist unsere Aufgabe als Gemeinde: das Wort Gottes weiterzusagen für die Menschen in unserer Zeit und dabei die Möglichkeiten und Ideen zu nutzen, die uns geeignet und zukunftsweisend erscheinen. Der Kirchenvorstand wird sich mit diesen Fragen in den nächsten Monaten beschäftigen – vielleicht haben Sie als Gottesdienstbesucher oder -besucherin auch Lust, etwas an Erfahrungen in diesen Koffer hineinzulegen?

Herzlich
Ihre

Pfarrerin Kerstin Schröder

19.08.2021 - 18.34 Uhr
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