Sehen ist ein Schlüssel der Menschlichkeit
Zur Jahreslosung 2023
jahreslosung-2023
Bilder: Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de; Stadtkirchengemeinde Hanau

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

kautz katrin»Du bist ein Gott, der mich sieht«, so lautet die Jahreslosung 2023, sie stammt aus dem 1. Buch Mose 16,13. Hagar, eine Sklavin, spricht diese Worte. Es ist eine dramatische Geschichte. Trotz der Verheißung vieler Nachkommen wird Abrahams Frau Sarah nicht schwanger. Sie bittet Abraham, mit seiner Magd Hagar ein Kind zu zeugen. Nachdem Hagar schwanger wird, kommt es zum Konflikt zwischen den beiden Frauen. Hagar flieht in die Wüste an eine Wasserquelle, wo ihr Gott in einem Engel erscheint, sie stärkt und sie wieder zurückschickt. Sie bekommt einen Sohn mit Namen Ismael. Als Sarah später noch einen Sohn bekommt, Isaak, entbrennen die Konflikte wieder und Hagar hat keine andere Wahl, sie flieht mit Ismael erneut in die Wüste. In dieser Situation der Verzweiflung und Einsamkeit begegnet ihr Gott und verheißt ihr eine Zukunft für sich und ihren Sohn. Hagar fühlt sich in ihrer Not gesehen: »Du bist ein Gott, der mich sieht«. Gott wird für Hagar zu einem Gott, den sie ansprechen kann.

»Schaut mich an, es tut nicht weh«, so ruft der Mann in der voll besetzten U-Bahn den neben ihn stehenden Personen im Gedränge zu. Einige von ihnen sind irritiert, schauen nach unten, senken ihren Blick, denn sie wissen nicht, wie sie mit dieser Aufforderung umgesehen sollen. Anschauen wollen sie ihn jedenfalls nicht. Manche hatten ihn vielleicht schon beim Einsteigen gesehen. Seine Kleidung, verschmutzt und abgetragen, sein Gesicht müde und ausgezehrt von dem Leben auf der Straße. Nach einem langen Tag im Büro und auf der Arbeit ist es anstrengend, sich solcher Situation in einem vollen U-Bahnabteil zu stellen. So schauen die meisten auch weg, sind versunken mit ihren Kopfhörern in eine andere Welt, in der stillen Hoffnung, dass er nicht sieht, wie sie wegsehen.

Von dieser Begebenheit in der U-Bahn erzählte mir neulich jemand aus der Gemeinde. »Es war erschütternd und traurig, es war anstrengend, denn es tat doch weh, ihn anzuschauen.« Beim Sehen geht es um die Wahrnehmung dessen, was unmittelbar um einem herum ist, und manchmal ist das, was man sieht, schwer zu ertragen. Die Not anderer anzusehen, die sichtbare Armut, die Zerbrechlichkeit und die Hilflosigkeit eines Menschen, mit der wir konfrontiert werden, kostet Kraft. Der Mann in der U-Bahn fühlte sich übersehen und dies vermutlich schon lange.

»Du bist ein Gott, der mich sieht«. Gott stellt sich an die Seite der Schwächsten, an die Seite derer, die leicht zu übersehen sind wegen ihres Aussehens, wegen ihrer Kleidung, wegen ihrer Herkunft.

Wir Christinnen und Christen stehen in der Adventszeit und gehen auf Weihnachten zu. Wir warten auf Gottes Kommen in diese Welt mit all ihren Widersprüchen und Brüchen, wie wir sie erleben und erfahren. Gott selbst kommt in Jesus als Kind zur Welt, so lesen wir es bei dem Evangelisten Lukas in der bekannten Weihnachtsgeschichte. Gott kommt klein, in Windeln gewickelt, geboren in einem Stall, denn es gab keine andere Unterkunft. Gott kommt hinein in unsichere Verhältnisse, damals wie heute. Gottes Kommen in Jesus Christus wirft seitdem ein helles Licht auf alle, die im Dunkeln wohnen, die leicht zu übersehen und leicht zu übergehen sind. Seine Liebe und seine Zuwendung will uns ermutigen zum Hinsehen und Hinschauen. Das ist nicht immer leicht, und es ist immer wieder zu erbitten füreinander und miteinander.

In der Zuversicht auf Gottes liebevollen Blick auf uns und der Kraft und der Stärke, die darin steckt, können wir unseren Weg gehen und singen.

Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.

Jochen Klepper, 1938
(EG 16,4)

Gottes Segen für Advent und Weihnachten

Ihre

Pfarrerin Katrin Kautz

18.11.2022 - 16.38 Uhr
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